Reine Onlinepublikationen und Onlinesuchmaschinen wie Scifinder sind heute Praxis und prägen immer mehr den wissenschaftlichen Diskurs. Warum dies zu einer eindimensionalen Wissenschaft führen kann und warum es sich trotzdem lohnt in die Bibliothek zu gehen.

In einem Radiobeitrag, erschienen am 18. Februar 2018 im Deutschlandfunk,[1] hebt Florian Felix Weyh die Bedeutung von gedruckten Veröffentlichungen im wissenschaftlichen Bereich hervor. Er argumentiert, dass das beschriebene Papier im Gegensatz zur Onlinepublikation eine niedrigschwellige, verfügbare, dezentrale und archivierbare Form des Wissenzugangs darstellt.

Wie die Online-Recherche den Blickpunkt einengt

Neben diesen elegant vorgetragenen Aspekten, möchte ich einen weiteren Aspekt einbringen, wie Onlineveröffungen die alltägliche Forschung beeinflussen. In der Chemie werden inzwischen die meisten Veröffentlichungen (zum Beispiel in JACS[2] oder Angewandte Chemie[3]) zuerst online veröffentlicht und später dann in gedruckter Form publiziert. Während es noch vor wenigen Jahren üblich war, als zum Beispiel Doktorantin oder Doktorant die aktuellen Zeitschriften aktiv als gedrucktes Magazin zu lesen (oder zumindest durchzublättern), konzentriert sich, durch die Zugänglichkeit der Quellen online, die Recherche auf das Lösen aktueller Probleme.

Mit Suchmaschinen wie Scifinder oder Reaxys, die für die Recherche in der Chemie programmiert wurden, kann man ohne Probleme nach Molekülen und Reaktionen suchen und sich tabellarisch anzeigen lassen. Meist kann sogar die experimentelle Vorgehensweise bei einer Reaktion angesehen werden, ohne die eigentliche Publikation zu öffnen.

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Dabei besteht jedoch gleichzeitig die Gefahr, das weiterführende Literatur zu einem Thema oder einfach auch nur aufregende Wissenschaft aus anderen, angrenzenden Bereichen immer mehr übersehen wird, weil sie schlicht nicht gelesen wird. Dies führt zu einer eindimensionalen Forschung, die es nicht erlaubt, Analogien aus übergreifenden Themenkomplexe zu ziehen. So spielen zum Beispiel mechanistische Diskussionen zu einer Reaktion bei der Totalsynthese im Falle der erfolgreichen Synthese eine untergeordnete Rolle. Will man jedoch verstehen, wie man eine Synthese erfolgreich aufbaut, benötigt man Wissen aus unterschiedlichen Fachbereichen. Eine biosynthetische Betrachtung des Naturstoffes ist ebenso wichtig wie ein Einblick in neue C-C Bindungsknüpfungsreaktionen in der organischen Chemie.

Und dabei stellt sich unweigerlich die Frage: Wie soll nach etwas gesucht werden, wovon der Suchende noch nichts gehört hat?

Nur durch den Vergleich aktueller Forschung können neue Konzepte, neue Synthesewege und innovative Totalsynthesen entworfen werden. Dies setzt aber voraus, dass man auch Teilbereiche der Wissenschaft beobachtet, die nicht unbedingt einen direkten Einfluss auf eine aktuelle Fragestellung haben. Und dieses leisten Magazine, die in ihrer gedruckten Form, unweigerlich von verschiedenen Aspekte aktueller Forschung berichten und in einem Zusammenhang darstellen können. Sie bieten dabei den Vorteil, dass Themenkomplexe durch die Zusammenführung mehrerer Veröffentlichungen besser beschrieben werden können.

Dies kann eine Onlinepublikation, bei der die einzelnen Artikel einzeln heruntergeladen werden, nicht leisten. Ein Querlesen über andere Artikel findet nicht statt. Man liest das, was man lesen will - und das ist eindeutig zu wenig.


  1. DLF: Essay und Diskurs: Wahrheit ist Belegbarkeit - Ein Radiobeitrag von Florian Felix Wey, 18.02.2018, 9:30 Uhr. ↩︎

  2. Journal of the American Chemical Society ↩︎

  3. Angewandte Chemie ↩︎