Vor ungefähr drei Jahren, nach meinem Studium der Chemie, gab es ein Angebot der Nature für ein Abo von einem Jahr für knapp 50€. Seither flattert mir die Nature jede Woche ins Haus, eben wie heute. Und auf dem Cover ist ein alter Bekannter: Eine Hand in Latexhandschuhen hält eine getrocknete Hanfblüte.[1]

coverbild thc

Seit ich die Nature abonnierte ist mir tatsächlich das Hanfblatt und seine Verwandten öfters begegnet. So zum Beispiel im Nature Outlook vom September 2015[2] oder in diversen wissenschaftlichen Artikeln. Tatsächlich scheint die Forschung mit THC und seinen Derivaten gerade an Fahrt zu gewinnen. Das liegt nicht zuletzt an der langsamen aber stetigen Legalisierung in den USA, wie derletzt in Kalifornien.[3]

Das Beispiel dieser Nature-Ausgabe zeigt aber in welchem Spannungsfeld sich die Forschung bei illegalisierten Naturstoffen bewegt.

Gras auf dem Titel

Bei einer Fachzeitschrift ist die Wahl des Titelbilds eine sehr wichtige Frage. Hier sollte es nicht um das Design gehen, sondern schlicht darum, welcher Artikel in der Zeitschrift wohl am bedeutendsten ist. Dieser verdient es auf dem Titelbild abgebildet zu werden.

In der aktuellen Ausgabe vom 17. November 2016 scheint das Review von Oliver D. Howes et al. das Titelthema zu sein. Durch dieses beeindruckende Review ist das möglich, woran viele noch vor Jahren nicht zu träumen gedacht haben, Gras auf dem Titelcover der Nature.
Dabei geht es in diesem Artikel nicht um die Pflanze (und schon garnicht um die Latexhandschuhe), sondern um den Effekt den THC auf das Dopamine System des Menschen hat und wie dieser variiert.[4] In dem Review tauchen weitere Bilder auf, wie zum Beispiel ein Bild des CB1 Rezeptors[5], die durchaus geeignet wären auf den Titel zu kommen. Am Ende hat es aber das Plakative geschafft. Eine Forscherin, die sich ihre Handschuhe anzieht und dann die Hanfblüte in die Hand nimmt - um was eigentlich zu machen? Später gibt es die Auflösung:

A Seattle cannabis worker cradles the resin-dusted bud of a strain called Blueberry Cheesecake.

Also ziemlich das Gegenteil von Dopamin Signalwegen, Rezeptoren und medizinischer Grundlagenforschung.

Können wir das schreiben?

Man hat selbst das Gefühl, dass das eine zentrale Frage der Forscherinnen ist, die mit illegalisierten Naturstoffen arbeiten. Es bedarf nicht viel Phantasie sich vorzustellen unter welchem Rechtfertigungsdruck solche Forschung steht. Wird hier eine Rauschdroge verherrlicht?

Reflexhaft erwartet man einen Disclaimer, der auch prompt geliefert wird.

Im Artikel heißt es gleich im ersten Abschnitt:

Although causality has not been conclusively demonstrated, heavy cannabis use is associated with increased risk of mental disorders(3) including psychosis(4), addiction(5), depression(6), suicidality(7), cognitive impairment(8) and amotivation(9).

Gleich sieben verschiedene und gravierende Folgen von starken Cannabisnutzung werden aufgezählt inklusive den dazugehörigen Studien, jedoch mit der gleichzeitigen Einschränkung, dass das dann doch noch nicht richtig bewiesen ist.

Zwischen Forschung und Legalität

Und genau hier liegt das Problem. Der Forschung darf in diesem Feld keine Grenzen gesetzt werden. Solche Disclaimer sind unnötig. Natürlich gibt es moralische Bedenken gegenüber einiger Forschungsrichtungen und nicht jedes Ziel heiligt seine Forschung automatisch.

Doch insbesondere in der medizinischen Forschung und in der Forschung mit Naturstoffen ist es immernoch eine Hürde zu und mit illegalisierten Naturstoffen zu arbeiten. Gleichzeitig fasziniert es die Forscherinnen und Laien immer wieder - auch der Hauch des Verbotenen und die Sensation. Auf der einen Seite Bürokratiewahnsinn (Stichwort: Bundesopiumstelle[6]) und Rechtfertigungsdruck, auf der anderen Seite aber Sensation und Politikum.

Und an dieser Sensation möchten dann alle teilhaben. Mit der Aussage Ich forsche zum Kiffen verschafft man sich direkt Aufmerksamkeit. Mit der Hanfknospe auf dem Titelbild übrigens auch.



  1. Nature 2016 Volume 539, Issue 7629 http://www.nature.com/nature/journal/v539/n7629/index.html ↩︎

  2. Nature 2015 Volume 525, Issue 7570 http://www.nature.com/nature/journal/v525/n7570_supp/index.html ↩︎

  3. Use of Marijuana act - Wikipedia ↩︎

  4. M.A.P. Bloomfield, A. H. Ashok, N.D. Volkow, O. D. Howes Nature 2016, 539, 369-377. http://www.nature.com/nature/journal/v539/n7629/full/nature20153.html ↩︎

  5. Cannabinoid Rezeptor 1 - Wikipedia ↩︎

  6. Bundesopiumstelle - Wikipedia ↩︎